Segeln auf Korfu: Ihr individueller Segel-Urlaub im Mittelmeer

Es ist morgens früh um vier auf einer Fähre auf dem Weg nach Griechenland und ich kann nicht schlafen. Monoton dröhnt der Dieselmotor der Minonan Lines „Europa“ zu meinem Ohr und lässt Türen, Geschirr und das ganze Schiff zu einem ewigen rumrumrumrumrumrum, klirklirklirklir und taktaktaktak vibrieren. Das Schiff ist in der Nebensaison noch nicht einmal halbvoll mit Österreichern, Deutschen, Schweden und Deutsch-Griechen – welche im Ionischen Meer ihren Geschäften nachgehen. In der Kabine neben mir schnarcht Gerhart „Papageo“ – Olivenölhändler aus Österreich. Die Ohropacks gehören mit in die Kabine auf einer Fähre und nicht ins Auto tief im Bauch des Schiffes…, denke ich bei mir. Bei meinen anderen Fährüberfahrten: wie Dover-Callais oder Dargebühl-Amrum war an Ohrenschutz mangels Übernachtung nicht zu denken.

Überhaupt Ohrenschutz, eine interessante Aufgabe auf Schiffen. Meistens ist damit allerdings der Gleichgewichtssinn im Innenohr verbunden, welcher wenn gestört, zur Übelkeit führt. So wie bei mir gerade: ich bin völlig übernächtigt aus der Kabine mittschiffs aufgestanden und ins Restaurant am Heck geflüchtet. Hier bewegt sich das Schiff deutlich stärker, ein wenig durch die Wellen auf der Adria, sehr viel stärker durch die Vibrationen des Motors. Ich wechsle zurück mittschiffs in die Bar der Fähre und wende damit den wichtigsten Kniff gegen Seekrankheit an: in der Mitte des Schiffes (Höhe, Breite und Tiefe) an den Drehpunkten bewegt sich ein Schiff kaum und kann damit keinen flauen Magen auslösen. In der Bar angekommen verschwindet das so gut bekannte Gefühl. Tipp 1 gegen Seekrankheit: zur Schiffsmitte!

Ich hatte ein paar Bier und leckere Würstchen mit Papageo und Peter (Charterunternehmer mit Katamaranen ab Korfu) am Nachmittag nach dem Ablegen in Ancona (Italien). So wie an Land wirkt natürlich auch auf dem Meer der gute Schluck vor allem, wenn man die Nächte zuvor kaum oder schlecht geschlafen hat sehr unangenehm. Mein Magen ist durch ein paar Gelegenheitszigaretten mit den beiden zusätzlich gestresst. Die einfache Regel gegen Seekrankheit heißt also: Tipp 2 gegen Seekrankheit: Ausschlafen und kein Alkohol oder Zigaretten!

 

Lecker Wurst mit Peter Friesenbichler (Geschäftsführer von Happy2Sailing). Noch auf der Fähre bot mir Peter an, für Ihn als Skipper zu arbeiten. Ebenso sind Peters gut gepflegte Fahrten-Katamarane über mich buchbar.

Ich finde in der Bar Kurt Eriksson schlafend auf dem Sofa. Kurt ist Schwede, ich habe ihn zuvor am Fährhafen getroffen und am Bord der Fähre kennengelernt. Sein berufliches Leben begann mit einer einschneidenden Erfahrung: Als fünfzehnjähriger angehender Schiffsmaschinist führte seine erste Fahrt von Göteborg nach New York im Dezember. Er sollte als klein gewachsener Lehrling die Schiffswelle überholen und säubern. Der ekelhafte Geruch drang in die Nase von Kurt, der unter die heftig nach dampfenden Öl stinkenden Abdeckungen krabbeln musste, welche die Nockenwelle in den Motoren für die Generatoren bedeckte. Der ekelhafte Geruch des Öldampfes und das im Sturm auf dem Atlantik rollende Handelsschiff lösten Seekrankheit bis zu Todesängsten aus, doch die anderen Maschinisten trieben ihn an: Durchhalten trotz Höllenqualen wenn er ein Seemann sein will! Das Schiff erreichte New York und stolz und mit geschwellter Brust schritt der fünfzehnjährige entlang des Hudson, der Freiheitsstatue und durch den Hafen in Brooklyn. Kurt ist anschließend sein ganzes Leben zur See gefahren und auf einem Rettungskreuzer immer dann im schwersten Sturm ausgerückt, wenn alle anderen in den Hafen fuhren und nur die letzten in Seenot Geratenen gerettet werden mussten. Heute als Rentner überführt Kurt Yachten: kleine, mittlere und Luxusyachten, kümmert sich um sein Haus in Schweden, wenn er nicht gerade auf seiner eigenen Yacht durchs Ionische Meer kreuzt.  Tipp 3 gegen Seekrankheit: frische Luft!

 

Kurt verbrachte nach der ersten Horrorfahrt mit Seekrankheit sein ganzes Leben auf der See und rückte mit einem Seenotkreuzer immer bei schlimmsten Wetter aus.

Auch ich hatte Kurt am Abend meine erste „Nah-Tod-Erfahrung“ mit Seekrankheit geschildert. Ja ich gestehe: ich bin genauso anfällig für Seekrankheit, wie die meisten Landratten. Ich wuchs in Schwerin auf, segelte die ganze Jugend auf der Segeljolle Pirat „Beil 28“ und durfte mit den Eltern im Sommer auch schon zu DDR-Zeiten auf den Bodden Segeltörns mit dem Küstenkreuzer „Argo“ unternehmen. Allerdings wegen Fluchtgefahr NICHT auf der Ostsee! Endlich `89: Die Mauer fiel, die Grenzen und die Ostsee waren offen! Meine erste Urlaubsreise „in den Westen“ führte nach Norden von Saßnitz (Rügen) nach Ystad (Südschweden). Mit der 8 Meter Segelyacht Argo war gegen die bis dahin unbekannte ruppige Ostseewelle wenig auszurichten. Insgesamt 5-mal in 2 Stunden sollte ich den Eimer an diesem Morgen grüßen. Mein Vater gab mir den Rat gegen Seekrankheit: schaue auf den Horizont. Denn wenn das Auge sich auf den Horizont konzentriert und der Körper unbewusst die Schiffsbewegung ausgleicht, so ist der Kopf und damit das Innenohr stabilisiert. Das Schiff, die Wellen und alles was sich bewegt und diese stabile Lage und Situation ablenkt: alles wird ausgeblendet. Es herrscht somit keine Irritation im Gleichgewichtssinn und Seekrankheit wird vermindert. Tipp 4 gegen Seekrankheit: Blick auf den Horizont!

 

Mit der Argo hatte ich mit 14 mein schlimmstes Erlebnis mit der Seekrankheit. Und trotzdem, nein gerade weil: es war ein unvergesslich schöner Törn!

Erstaunlich, aber auch das komplette Gegenteil dieser Handlungsweise hilft, aber ist ebenso logisch und erfolgreich erprobt: Wenn man sich hinlegt und die Augen schließt, so vollführt der gesamte Körper die Schiffsbewegung mit. Die stehende Umgebung wird somit nicht mehr wahrgenommen. Auch so wird das Innenohr beruhigt. Eine leichte Seekrankheit tritt dabei auf und ist auch durchaus praktisch: man wird nämlich müde und schläft ein. Dieser Tipp gegen Seekrankheit ist somit ideal dafür geeignet, wenn man auf einem schaukelnden Schiff schlafen möchte. Tipp 5 gegen Seekrankheit: Hinlegen und Augen zu!

Leider kommt es aber auch vor, dass einige Mitsegler die See überhaupt nicht vertragen und alle guten Ratschläge nichts bringen. Ich habe das als Student bei einer Segelreise mit dem Traditionssegler „J.R. Tolkien“ erlebt. Auf der Ostsee baute sich bei Windstärke 7 eine hohe und spitze Welle auf, welche die Tolkien ordentlich in Wallung brachte. Arbeiten auf dem Vorschiff mussten auf das nötigste reduziert werden und nachdem ich ein Vorsegel festgezurrt hatte, gabs nach etwas viel Nudelsalat zum Mittag mal wieder „Fischfutter“. Zum Glück war an dem Tag der Seegang so hoch, dass mit der nächsten Welle eine prompte Seewasser-Gesichtsdusche folgte. Zwei Wellen später war das also vergessen und ich kehrte in den Mittschiffsbereich zurück. Dort fand ich eine Kommilitonin, die heftige Todesängste ausstehen musste. Wimmernd und frierend in sich gekauert hockte sie an Deck. Wenn man als Mitsegler oder Schiffsführer solches Verhalten beobachtet, gilt es schnell aber besonnen zu handeln. Denn Seekrankheit kann sich steigern, wenn sich niemand um den Kranken kümmert und dann kann es schnell brenzlig werden. Man sollte die Person Ansprechen, Festhalten, Drücken gut Zureden und so Ängste nehmen. Die Person fühlt sich einsam und machtlos – genau das Gefühl gilt es zu nehmen. Häufig werden dann Worte geäußert wie: „Das hört niemals auf!“, „Das bringt mich um!“ oder „Ich will hier runter vom Schiff!“. Dann ist es sinnvoll, die Situation als beherrschbar und ganz normal zu beschreiben, gleichzeitig den Betroffenen und seine Angst aber ernst zu nehmen und die geäußerten Angstbeschreibungen mit rationalen Fakten zu relativieren oder mit Humor abzulenken…. „Der Hafen ist nicht mehr weit, dort vorne schon zu sehen!“, „Wir gehen gleich auf einen anderen Kurs, dann schaukelt es nicht mehr.“, „Heute Abend wirst Du darüber lachen.“ oder auch: „Was mich übrigens umbringt, sind die VWL-Vorlesungen vom Professor XYZ… VIEL schlimmer als die Schaukelei ist seine Mikroökonomie“. Es sind Themen ratsam, die aus dem bekannten persönlichen Umfeld kommen und sich der Betroffene gut vorstellen kann. Ruhe und Gelassenheit sollten die Themen und auch die Stimmlage ausstrahlen – auch wenn es drumherum gerade heftig ist. Die Angst vor zu viel „Action“ wird mit Gedanken an „Langeweile“ (wie z.B. Mikro-Vorlesungen) relativiert, die gleichzeitig große Ruhe ausstrahlen. Die Gedanken werden so an einen fernen Ort gebracht, die Angst wird beruhigt und die Seele wieder auf festen Boden gebracht. Tipp 6 gegen Seekrankheit: Um den Kranken kümmern.

Gegen das Gefühl der Ohnmacht bei Seekrankheit, hilft auch einfach ein anderes Gefühl: Das der Macht. Mitsegler, welche im Anfangsstadium der Seekrankheit sind, also die Gesichtsfarbe im Stadium blass und noch nicht grün ist, sollten einfach steuern. Ähnlich wie beim Autofahren, insbesondere im Gebirge wird immer nur dem Beifahrer schlecht, nie dem Fahrer. Auf See und auf Yachten ist es genauso. Dabei sieht der Betroffene die Wellen kommen, weicht selbst aktiv aus und kann die Wirkung der Wellen auf das Schiff auch vorhersehen. Die Situation der Ohnmacht ist damit aufgehoben.

Tipp 7 gegen Seekrankheit: Selbst Steuern lassen!